Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

Hat Herr Minsky doch Recht?

26. November 2011 von Sven Fissenewert
Bereits seit den 1960er Jahren hat Hyman P. Minsky, der bei Schumpeter in Harvard studierte und als Professor für Ökonomik lehrte, seine Hypothese finanzieller Instabilität  systematisch ausgearbeitet und war damit lange Zeit eine der wenigen abweichenden Stimmen im Konzert ökonomischer Dogmen, das von neoklassischen Gleichgewichtsmodellen der Schule von Chicago und den Theorien Milton Friedmanns dominiert wurde. Seiner Beobachtung nach waren schon die Finanzkrisen in den 60er und 70er Jahren ein Indiz, dass sich die kapitalistische Ökonomie nicht so verhält, wie sie sich verhalten soll – denn nach den gängigen Wirtschaftstheorien können diese Einbrüche und Crashs allenfalls mit einem Risikofaktor von eins zu zig Milliarden eintreffen. Aufbauend auf der „Great Theory“ von Keynes suchte Minsky nach Erklärungen für die wiederkehrenden Finanzkrisen und kommt zu dem Schluss, dass die klassischen Wirtschaftstheorien mit ihren Annahmen von Gleichgewicht, Effizienz, Selbstregulierung und rationalen Erwartungen „verheerende logische Löcher“ aufweisen. Und so konzentrierten sich seine Untersuchungen auf das Verhältnis zwischen Instabilität und Struktureigenschaften des Finanzsystems. Er beginnt dabei mit der bemerkenswert einfachen Überlegung, dass sich der Kapitalismus nicht ohne Kapitalisten und nicht ohne kapitalistische Institutionen und Praktiken begreifen lässt. Die Akteure sind dabei mit dem Ausblick auf eine ungewisse Zukunft konfrontiert und daher dem Drama spekulativer Entscheidungen unter der Bedingung von Unsicherheit ausgesetzt. Die Preise für Finanzierungen ergeben sich nach Minsky eben nicht mehr nur aus festen oder „realen“ Wertreferenten sondern vor allem dadurch, dass Akteure ihre Einschätzung von der Einschätzung anderer und von der durchschnittlichen Einschätzung überhaupt abhängig machen. Finanzmärkte funktionieren als ein System von Antizipationen in dem die Teilnehmer andere Teilnehmer beim Beobachten beobachten und sich daraus Preise und Werte ergeben, die wiederum allseits beobachtet werden. Minsky: „Akteure operieren nicht nach bekannten Qualitäten sondern mit Meinungen über Meinungen. Dies macht scheinbar verlässliche Größen wie Angebot und Nachfrage – und deren stabilisierende Kraft - nicht nur unkenntlich sondern unerkennbar. Die Mechanismen von Angebot und Nachfrage gelten nur für einen Bereich in dem man mit fixen Budgets operiert, nicht dagegen dort, wo Finanzierungsbedingungen und Zukunftserwartungen im Spiel sind.“ Wahrscheinlich lässt sich die eingangs gestellte Frage ob Minsky Recht hat nicht eindeutig beantworten, kam er doch selbst zu der Überzeugung: „Zutreffend bleibt in jedem Fall, dass sich unser Leben im Übergang abspielt. Es gibt keine letztgültige Lösung für das Problem der Organisation des Wirtschaftslebens.“ Interessant ist vielmehr die Frage wie sich unser Blick auf die aktuellen Geschehnisse, mehr als 15 Jahre nach Minskys Tod, verändern würde schauten wir durch sein Brille auf die Welt...