Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

Neurodidaktik… mal ganz konkret

29. Juli 2013 von Dr. Reinhard Schmitt
Neuro1Was unter Neurodidaktik im Allgemeinen zu verstehen sei, ist auf Wikipedia  akzeptabel nachzulesen. Die etwas weichgespülten Aussagen dort beruhen auf den 12 Prinzipien von Renate Nummela Caine (siehe Braincast Nr. 223 'Neurodidaktik' von Arvid Leyh ab Minute 12:50):    
  1. Lernen ist ein physiologischer Vorgang (siehe auch Hebbsche Lernregel)
  2. Das Hirn ist sozial, d.h. die Einbettung des Lernstoffes in einen möglichst sozial interagierenden Kontext erleichtert das Lernen
  3. Die Suche nach dem Sinn ist angeboren
  4. Sinnsuche geschieht durch die Bildung von Mustern (idealerweise durch die Verknüpfung mit Vorwissen)
  5. Emotionen sind wichtig für die Musterbildung
  6. Das Gehirn verarbeitet Informationen in Teilen und als Ganzes gleichzeitig
  7. Lernen erfolgt durch gerichtete Aufmerksamkeit genauso wie an der Peripherie der Wahrnehmung
  8. Lernen geschieht sowohl bewusst als auch unbewusst
  9. Es gibt mindestens zwei Arten von Gedächtnis, eines für isolierte Fakten und Prozesse und eine gleichzeitige Aktivierung vielfältiger neuronaler Systeme, die die Erfahrung sinnvoll verarbeiten
  10. Lernen ist entwicklungsabhängig
  11. Komplexes Lernen wird durch Herausforderung gefördert, durch Druck und das Gefühl von Hilflosigkeit gebremst
  12. Jedes Gehirn ist einzigartig

All dies lässt sich wohl zu drei Hauptprinzipien zusammenfassen:

  1. Entspannte Aufmerksamkeit
  2. Geordnete Vertiefung in komplexen Erfahrungen, um das Wissen zu vernetzen
  3. Aktive Verarbeitung des anzueignenden Wissens
Diese Erkenntnisse beruhen auf Veröffentlichungen, die schon einige Jahre alt sind. Deshalb im Folgenden die Zusammenfassung der wichtigsten Aussagen eines am 2. (Teil 1) und 9.2.2013 (Teil 2) publizierten Interviews mit Prof. Martin Korte von der TU Braunschweig. Was sich aus Sicht der Neurowissenschaften als lernförderlich erweisen könnte …
  • Lernen ist kontextabhängig – vor allem vom sozialen Kontext
  • Spielen in Teams und gemeinsames Tun
  • Lehrer sollte sich selbst als Lernenden begreifen und sich dabei seines Weltbilds, seines Wissenssystems und seiner Grenzen bewusst sein
  • Methoden situativ wechseln
  • Lehrer muss sich in seiner Haut wohl fühlen, authentisch und mit sich und dem Inhalt im Reinen sein (Menschen verfügen über exzellent ausgebildete Fake-Sensoren)
  • Herstellung eines Bezugs zum Kontext in der Welt des Lernenden
  • Entscheidend ist die Anzahl der Wörter, Gesten und Taten, die der Lernende vollbringt und nicht jene, die der Lehrer in den Mund nimmt oder ausführt (Informationen, die mit einer eigenen Handlung verbunden sind, sind mit einem größeren Gewicht versehen)
  • Knotenpunkte anlegen und diese mit neuen Wissenselementen verknüpfen (es fällt dem Gehirn deutlich leichter, über diese Knotenpunkte die damit assoziierten Wissenselemente zu speichern und auch wieder abzurufen)
  • Wissenselemente wiederholen (zwecks Ablage im Langzeitspeicher des Gehirns)
  • am Anfang Neugierde wecken, auf das Neue hinweisen, bevor man das Alte wiederholt und idealerweise direkt mit dem Neuen verknüpft
  • positive Lernatmosphäre schaffen, ohne als Lehrer künstlich Entertainer oder Clown zu sein
  • Fairness in der Lernatmosphäre wichtig
  • trotzdem: auch Angst kann ein guter Lernmotivator sein
  • Was interessiert den Lernenden? (statt Versuche der Begeisterung für das zu Lernende durch den Lehrenden)
  • Lehrer als Agent/Organisator des Lernens
  • Erfahrung der Selbstwirksamkeit 
  • Rhythmus von Anspannung und Entspannung
Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht… aber sehr viel Neues war da jetzt nicht dabei. Und überhaupt: Den Begriff "Lernen" in Verbindung mit Führungskräfteentwicklung finde ich störend. Lernen impliziert, dass es einen "Lernenden" gibt (was noch OK wäre), dem ein "Lehrender" gegenüber steht (was für mich wegen der implizierten Asymmetrie qua vermutetem Wissensvorsprung nicht OK ist). Außerdem hat "Lernen" eine Anmutung von Schule und Tafel und Schwamm und Muffigkeit. Die häufig genutzte Betonung des "Erwachsenen-Lernens" als mögliche Differenzierung macht das nicht wirklich besser - zumal die Differenzierung meines Erachtens nur ein rhetorischer Kniff ist, um der Zielgruppe ein besseres Gefühl zu geben. Der ohnehin genutzte Begriff "Entwicklung" erscheint mir deutlich passender. Alleine das Wort "ent-wickeln" impliziert, dass es bei Menschen etwas Eingewickeltes zu geben scheint, das und nur darauf wartet, entwickelt zu werden, um sich zu entfalten oder gar auszubilden. Dem steht allenfalls noch ein "Ent-wickler" gegenüber.

Fazit:

Wie sollten Führungskräfteentwicklungsmaßnahmen gestaltet sein: Neurodidaktik