Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

sechsseiten – Ausgabe 05-2

10. September 2012 von Dirk Gouder


Strategiegeleitete Unternehmens- entwicklung – Theorie U

Der neue Star unter den Management-Ansätzen?

Dr. Claus Otto Scharmer über das Modell des Presencings Presencing ist die Fähigkeit, aus der Zukunft zu handeln. Das heißt, in die Zukunft vorzufühlen derart, dass das gegenwärtige Tun aus der Zukunft inspiriert wird. Die höchste Zukunftsmöglichkeit wahrzunehmen und aus dieser heraus zu handeln, ist die Essenz von Führung. Voraussetzung ist die Fähigkeit, den inneren Ort, das heißt die Struktur der Aufmerksamkeit, von der aus gehandelt wird, zu verändern. Wer sich diese tieferen Quellen des Wissens und Selbstwissens erschließen will, muss sich auf einen Weg begeben: auf einen Weg der persönlichen und organisationalen Öffnung. 
Management-Ratgeber haben weiterhin Konjunktur. Die Anzahl neuer Veröffentlichungen ist nahezu unüberschaubar. Die Formate variieren gleichermaßen: von der Fünf-Minuten- Lektüre über Manager-Biografien bis hin zu Journalen und mehrbändigen Werken. Die Profession des Managers wird dabei aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln und durch verschiedene wissenschaftliche Brillen betrachtet. Dieser Entwicklung liegt offensichtlich der Wunsch nach Orientierung in einer Welt zugrunde, in der der Alltag von Entscheidern zumeist schnelles Navigieren in unübersichtlichen Gewässern erforderlich macht. Viele nehmen für sich in Anspruch, etwas substanziell Neues zum bisher Bekannten in die Welt zu bringen. Bei genauerem Hinsehen erweist sich das meiste als alter Wein in neuen Schläuchen. Und so lohnt es sich genauer hinzuschauen, wenn ein Ansatz aus der Masse heraussticht und binnen kurzer Zeit – sowohl in Teilen der Wissenschaft als auch bei Praktikern – Karriere macht. Ein solcher ist die „Theorie U“ von Dr. Claus Otto Scharmer. Der „Exil-Hamburger“ lehrt am Massachusetts Institute of Technology (MIT), berät global agierende Unternehmen, Institutionen und NPOs und war Gastredner beim World Economic Forum in Davos.

Kennzeichen der Theorie U

Was zeichnet die Theorie U aus? Zunächst einmal erhebt sie einen umfassenden Anspruch: Die globalen Entwicklungen in Wirtschaft, Gesellschaft und Ökologie verlangen eine fundamentale Umkehr, eine Transformation in etwas Neues. Scharmer beschreibt, wie sehr sich die an dieser Entwicklung beteiligten Institutionen, Staaten, Unternehmen noch am Alten orientieren und festhalten und Antworten auf die Fragen der Zukunft in den Routinen der Vergangenheit suchen. Scharmer selbst beschreibt seine Theorie U „als eine soziale Technik für die Transformation in eine zukunftsfähige Welt“. Dabei verzichtet er weitgehend auf eigene Theorien von Gesellschaft, Organisationen und sozialen Systemen. Vielmehr sieht er sein Modell als vorläufigen Endpunkt verschiedener Ansätze zentraler Sozial- und Handlungstheorien.

Die Theorie U im Überblick

Entlang der Figur des Buchstaben U (von oben links über den Wendepunkt unten nach oben rechts) beschreibt er vier Ebenen der Aufmerksamkeit und des Dialogs. Erst auf der vierten Ebene – der des Presencings – wird jene Form der Bewusstheit erreicht, durch die Scharmer zufolge, wirklich Neues in die Welt kommt. Downloading Der Weg beginnt am linken oberen Ende des U: Muster der Vergangenheit werden wiederholt, die Welt wird mit den Augen des gewohnheitsmäßigen Denkens betrachtet. Seeing Auf dieser Ebene öffnen wir unser Denken: Es geht darum, innezuhalten, mitgebrachte Urteile zu verflüssigen und die Realität mit frischem Blick zu betrachten. Sensing Hier soll der Anwender ins Fühlen gehen, sich selbst als wirkenden Teil eines Ganzen wahrnehmen und beginnen, Bisheriges loszulassen. Presencing Nach den vorangegangenen drei Schritten der Öffnung, ist der Anwender im „Tal des U“ gefordert, sich mit der Quelle seines Denkens und Handels zu verbinden und in der Stille Antworten zu finden. So kann im Erleben des Hier und Jetzt Zukünftiges gegenwärtig werden. Von dort aus kann Neues kommen, die im Entstehen begriffene Zukunft wahrgenommen werden. Crystallizing Die aufkommenden Gedanken und Gefühle werden verdichtet. Der Betrachter wird sich– noch immer auf der Ebene des Fühlens – der Intention und Vision des Neuen bewusst. Prototyping Das Neue wird bewusst gedacht und in Prototypen ausprobiert. Performing Die (gemeinsame) Erkundung des Neuen führt zur praktischen Anwendung. Es wird institutionell verkörpert und hält Einzug in die Alltagspraktiken. Der Weg des U hinab wird möglich durch Praktiken des Sich-Öffnens. Durch die Öffnung des Denkens wird eine Öffnung des Fühlens und schließlich des Willens möglich; was schließlich in die Ebene des Presencings führt, in eine Praktik der Stille. Von dort aus können – über die Ebenen des Prototypings – der Wille, das Fühlen und das Denken wieder greifen, um schließlich am Ende des U den Einzug des Neuen in den Alltag herbeizuführen.

Vom Einzelnen zur Organisation

Was uns bei der Beschäftigung mit der Theorie aufgefallen ist: Die linke Seite des U beschreibt eher individuelle Prozesse (innehalten, umwenden, loslassen), während die rechte Seite Teile des gemeinsamen In-die- Welt- Bringens (kommen lassen, hervorbringen, verkörpern) darstellt. Und hier stellt sich die eine entscheidende Frage: Wie schafft es eine Veränderung, die zunächst einmal auf das Innenleben von Personen beschränkt ist, „hinüber“ in das soziale System (von besonderem Interesse für uns: in das Unternehmen)? Denn so sehr sich auch das Wahrnehmen, Denken und Fühlen des Einzelnen (oder der Einzelnen) durch die Anwendung der „Techniken“ (so Scharmer) verändern mögen, bewirkt dies nicht auch zwangsläufig eine Veränderung des sozialen Systems Organisation. Schließlich ist nur das sozial existent, was in die Kommunikation kommt. Hier – so unsere vorläufige Bewertung – bleibt eine einfache Anwendung suggerierende Titel der Arbeit Scharmers doch einige Antworten schuldig.

Der wunde Punkt

Bei allen Zweifeln bleibt die überaus wichtige Frage: Wenn die Theorie U zurzeit von einer zunehmenden Menge von Praktikern für die Lösung gehalten wird – was ist dann das Problem? Anders gefragt: Auf welche Leerstelle in Organisationen weist ihre Popularität hin? Es spricht vieles dafür, dass dahinter die Sehnsucht nach gelingender Kommunikation steht. Woher kommt diese Sehnsucht? Wir von Process One stellen immer wieder fest, dass in nahezu jedem Unternehmen ein Bewusstsein für die Bedeutung von guter, zielführender Kommunikation vorhanden ist. Gleichzeitig beobachten wir jedoch, dass jene Formen der persönlichen Interaktion und des tiefen Ausleuchtens von Sachverhalten, die für die gemeinsame Bearbeitung von Komplexität und Unsicherheit gebraucht werden, kaum mehr Raum finden. Die Gründe hierfür sehen wir vornehmlich in der Beschleunigung der Arbeitsprozesse sowie dem permanenten „GleichzeitigaufmehrerenHochzeitentanzenMüssen“ und last but not least in eben jener schnell wachsenden Komplexität. Und so benötigen wir wohl gerade diese – von Scharmer propagierten – zeitintensiveren Formen des Zusammentuns, um uns selbst zu verorten und unserer Entscheidungen zu vergewissern. Darüber hinaus ist mit dem Begriff des Presencings eine Figur entstanden, die man gut auf das Konstrukt des Situationspotenzials von François Jullien (siehe Ausgabe 3 der Sechsseiten 2009) beziehen kann. Demnach brauchen Organisationen offensichtlich Akteure, die über die – insbesondere in der fernöstlichen Denk- und Strategietradition wurzelnde – Fähigkeit verfügen, durch eine tiefe Form der Achtsamkeit schon kleinste, aber sehr Erfolg versprechende Signale in der Umwelt zu erkennen und diese – vorsichtig, scheinbar mühelos und unbeabsichtigt – zu verstärken.

Wertvolle Hinweise

Und so scheint uns Scharmers Theorie U wertvolle Hinweise zu liefern, wenn wir uns fragen, wie wir hochwertige und zukunftsfähige Strategien erarbeiten können, die die „Hürde“ in die Organisation nehmen. Denn diese Theorie ermutigt uns, unsere Fähigkeiten der regelmäßigen Reflexion, des fruchtbaren Dialogs sowie der gelingenden Interaktion wieder mehr, beziehungsweise besser zu nutzen: individuell und organisational – stets mit Blick auf die gewünschte Zukunft.