Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

sechsseiten – Ausgabe 07-1

24. März 2014 von Sven Fissenewert

Orientierung – Wirtschaft wohin?

Ein Lagebericht

„Was an der Wirtschaft nicht stimmt, stimmt an der Gesellschaft nicht.“

Tibor Scitovskys, Ökonom, 1910–2002

Titelbild_07-1Das ökonomische Prinzip ist heute zum unüberschreitbaren Sinnhorizont unseres Lebens geworden. Während frühere gesellschaftliche Debatten um die Frage kreisten, welche Gesellschaftsform dem Menschen am besten diene, hat mittlerweile ein Kalkül die Oberhand gewonnen, das der schlichten Logik folgt: Das beste Gesellschaftsmodell ist jenes, das der Ökonomie am meisten nützt. In der Politik findet man dieses ökonomische Prinzip in Form von „alternativlosen“ Entscheidungssituationen; auf der Ebene des Individuums beispielsweise in Formen zunehmender Selbstoptimierung, nicht zuletzt, da der Einzelne kaum mehr auf eine soziale Absicherung durch die Gemeinschaft setzen kann.

Zwei prominente Positionen

Diese Entwicklungen bieten Anlass, zu fragen, wo genau wir gerade stehen; uns einen Überblick zu verschaffen und dabei mögliche weitere Szenarien künftiger Entwicklungen in den Blick zu bekommen. Dabei wollen wir exemplarisch zwei interessante Positionen skizzieren, die aktuell in der Diskussion sind. Schauen wir uns an, was der FAZ-Mitherausgeber Frank Schirrmacher und der Chefökonom der größten tschechischen Bank, Tomáš Sedláček, zu sagen haben.

Schirrmacher: Homo Oeconomicus – Wesen ohne Moral

Schirrmacher zufolge ist das, was wir heute in der Wirtschaft erleben und was uns bis in unser Denken und Entscheiden hinein beeinflusst, das Ergebnis eines Prozesses, der in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts begann. In den Hochzeiten des Kalten Krieges nämlich wurde das Konzept des Homo oeconomicus von Wissenschaftlern der für die amerikanischen Streitkräfte tätigen Rand Corporation aufgegriffen. Schließlich war es als theoretisches Modell eines stets rational handelnden, auf den eigenen Vorteil bedachten, misstrauischen Akteurs bestens dazu geeignet, die Spielzüge der Gegenseite berechenbar zu machen. Nach dem Ende des Kalten Krieges wurden die Physiker, die in der Rand Corporation nicht mehr gebraucht wurden, mit offenen Armen an der Wall Street empfangen. Denn dort waren Leute gefragt, die sich mit der Implementierung mathematischer Modelle in die gerade aufkommenden Computer auskannten. Und so hielt das Menschenbild des Homo oeconomicus zusammen mit dem mathematischen Wissen Einzug in die DNA des gerade entstehenden Finanzkapitalismus. Moral spielte in diesem Kalkül keine Rolle, ja, sie wäre in der Logik des Kalten Krieges sogar mörderisch leichtsinnig gewesen. An nichts als den eigenen Vorteil zu denken, bedeutete, Risiken zu minimieren. Nach nunmehr 20 Jahren praktisch ungehinderten Wirkens steuert das Modell des moralfreien Homo oeconomicus heute nicht nur die Aktienmärkte, sondern auch menschliches und politisches Entscheiden. In der Folge werden die ungeheuren Systemrisiken sozialisiert und die Erträge privatisiert. Etwas verkürzt beschreibt dies Schirrmachers recht scharfe Kritik an dem, was unsere heutige Wirtschaft kennzeichnet. Eine Bestätigung dieser Sicht finden wir aus ähnlich prominentem Mund bei Edzard Reuter, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Daimler-Benz AG: „Dass die Finanzindustrie, wie es so schön heißt, oder die Finanzwelt, inzwischen das Kommando über die Politik übernommen hat, über unser Schicksal übernommen hat, das ist natürlich der Fall. Und insofern ist das ein Terror, weil Terror in dem Sinne heißt, dass er die Menschen zu Dingen zwingt, die sie eigentlich von sich aus gar nicht wollten.“

Sedláček: Rückbesinnung der Wirtschaft auf kulturelle Wurzeln

Auch Tomáš Sedláček, der ehemalige Berater von Václav Havel, beklagt in seinem Werk „Die Ökonomie von Gut und Böse“ die „mechanistische und imperiale Mainstream Ökonomie“. Im Gegensatz zu Schirrmacher verfällt er jedoch nicht in apokalyptisch anmutende Verschwörungstheorien, sondern versucht, mit seiner Geschichte der Ökonomie eine „Antithese zur vorherrschenden morallosen, positivistischen und deskriptiv aussehenden Ökonomie“ zu zeichnen. Dabei legt er schlüssig dar, dass Wirtschaft seit jeher Annahmen über das enthielt, was gut und böse, moralisch akzeptabel oder eben verwerflich war. Während sich moderne Wirtschaftsbücher mit ihren mathematischen Formeln kaum mehr von Physikbüchern unterscheiden ließen, gingen entsprechende Werke früherer Zeiten im Kern stets der Frage nach, was ein gutes Leben ausmacht. Die moderne Wirtschaftswissenschaft habe dies nur schlichtweg vergessen. Mit Konzepten wie dem des Homo oeconomicus oder der unsichtbaren Hand habe sie der nüchternen Berechenbarkeit wirtschaftlicher Prozesse Vorschub verliehen – und dabei konsequent moralische und ethische Aspekte ausgeblendet. So habe sie der Systemkrise das Feld bereitet. Frei nach Oscar Wilde formuliert: Die Ökonomie ist heute die Wissenschaft, die von allem den Preis kennt, aber von nichts den Wert. Wenn wir einen Weg aus der Krise finden wollen, dürfen wir – so Sedláček – nicht länger hinnehmen, dass Wirtschaft auf Algorithmen reduziert und dies der Gesellschaft als nicht hinterfragbares Paradigma präsentiert werde. Vielmehr müssten wir neben den mathematischen Modellen, die nicht berechenbaren Bereiche von Werten und Moral wieder mit in den Blick nehmen. Aus unserer Sicht ist das Charmante an diesem Ansatz, dass Sedláček nicht behauptet zu wissen, wie die Wiedereinführung von Werten und Moral in das System Wirtschaft zu bewerkstelligen ist; er Wirtschaft aber aus ihrer theoretischen Isolation hinein in den Diskurs holt und sagt: Wer mitreden will, möge dies tun – das Gespräch ist eröffnet.

Eine dritte Variante: Die systemtheoretische Betrachtung

Wie (zum Glück) fast immer, lässt sich Wirtschaft (und damit auch die Frage nach deren Moral- oder Wertegehalt) auch aus systemtheoretischer Sicht beschreiben. Diese Sichtweise stellt zu den oben beschriebenen Positionen eine nützliche Erweiterung dar. Wirtschaft hat hier alle Merkmale eines autopoietischen – also sich selbst erschaffenden – Systems, in dem die kleinste Einheit der Kommunikation die Zahlung ist. Zum Selbsterhalt ist Wirtschaft auf nichts anderes als die Aneinanderreihung von Zahlungen angewiesen. Dabei fragt sie nicht danach, aus welchen Gründen, Motiven oder moralischen Überlegungen diese erfolgen. Solche Überlegungen finden aus systemtheoretischer Sicht in den relevanten Umwelten statt – in diesem Fall in der Psyche der Teilnehmer. Die individuelle Teilhabe an Wirtschaft kann dabei vollkommen irrationalen Beweggründen folgen, setzt also nicht zwingend den rational denkenden, Vorteil suchenden Homo oeconomicus voraus. So betrachtet erscheint es fraglich, ob wir alle schon in der von Schirrmacher skizzierten Weise beeinflusst sind – unfähig, anders zu denken und zu handeln. Anders herum bestimmen die Motive und Moralvorstellungen der Teilnehmer nicht ausschließlich, nach welchen Regeln das System funktioniert. Hier ist und bleibt Wirtschaft auf benachbarte Funktionssysteme angewiesen: zum Beispiel auf ein passendes Rechtssystem und nicht zuletzt auf eine Gesellschaft, die die Bedingungen, unter denen Wirtschaft funktioniert, im Blick behält und sich selbst in die Lage versetzt, wirkungsvoll in diese zu intervenieren. Sie fragen sich, wie dies geschehen kann? Etwa vermittels Politik oder anderer Formen der organisierten Einflussnahme? Wir fragen uns das auch, halten es jedoch ganz mit Sedláček und behaupten, nicht zu wissen, wie das funktionieren soll. Lösungsvorschläge werden ab heute gerne angenommen.   Diese und weitere Ausgaben der sechsseiten finden Sie hier als PDF zum Download.