Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

sechsseiten – Sonderausgabe Selbstführung

15. Mai 2014 von Peter Rathsmann

Den Zumutungen der Zeit begegnen

Der Suchende Es war einmal ein Mann, der suchte nach einer Lösung für sein Problem, konnte sie aber nicht finden. Er fahndete immer heftiger, immer verbissener, immer dringlicher – und fand sie doch nirgends. Die Lösung ihrerseits war inzwischen schon ganz außer Atem. Es gelang ihr einfach nicht, den Suchenden einzuholen, bei dem Tempo, mit dem er hin und her raste, ohne auch nur einmal zu verschnaufen oder sich umzusehen. Eines Tages brach der Mann mutlos zusammen, setzte sich auf einen Stein, legte den Kopf in die Hände und wollte sich eine Weile ausruhen. Die Lösung, die schon gar nicht mehr daran geglaubt hatte, dass der Suchende einmal anhalten würde, stolperte mit voller Wucht über ihn. Und der Mann fing auf, was da so plötzlich über ihn hereinbrach – und entdeckte erstaunt, dass er seine Lösung in den Händen hielt.

Zen-Geschichte

2014 ist es wieder so weit: Die aktuellen Prognosen der Bundesregierung sowie führender Wirtschaftsforscher erwarten einen starken Aufschwung für das kommende Jahr. Auf dem Arbeitsmarkt wird mit 500.000 neuen Jobs gerechnet. Aber damit nicht genug: 2014 wird auch das Jahr der Einführung der Google-Brille sein.

Diese Beispiele mögen ein wenig willkürlich erscheinen, sind unseres Erachtens jedoch gut geeignet, auf die folgende Ortsbegehung einzustimmen. Dabei wollen wir den Versuch unternehmen, Selbstführung als (einzig?) probates Mittel für die – den Beispielen immanenten – Probleme zu beschreiben. Probleme? Welche Probleme? Lesen Sie weiter…

Die Renaissance der Selbstführung

Was veranlasst uns überhaupt, dem Thema Selbstführung eine Sonderausgabe zu widmen?

Die Beobachtung, dass bisherige – individuelle wie organisationale – Werkzeuge und Verarbeitungskapazitäten offenbar immer weniger mit den Zumutungen der Gegenwart Schritt halten. Selbstführung erfährt vor diesem Hintergrund eine Renaissance; wird sie doch überall dort als Lösung gesehen, wo die Diskrepanz zwischen aktuellen Anforderungen und Bewältigungsstrategien, ein – mal mehr, mal weniger bewusstes – Problemempfinden erzeugt. Entsprechend verzeichnen wir eine steigende Nachfrage nach Unterstützung zu Fragen des Gesundheits-, Balance- und Leistungserhalts. Zuweilen sind es ganze Unternehmen oder Unternehmensbereiche, die gezielt nach Beratung und Begleitung hin zu angemessenen Formen der Komplexitätsbewältigung suchen.

Übergang mit weitreichenden Folgen

Eine Begriffsklärung vorweg: Wenn wir von Selbstführung reden, dann meinen wir damit das Kerngeschäft von Führung. Selbstführung basiert auf Reflexion, und Reflexion braucht Wissen über Praktiken der Selbstwahrnehmung und Werkzeuge zur Selbstbeobachtung. Nachgelagert – und hier nicht gemeint – ist das Feld des Selbstmanagements, bei dem es (in der Führungsrolle) darum geht, die eigene Arbeit zu strukturieren.

Doch ehe wir uns mit Selbstführung als Lösung beschäftigen, sei zunächst ein Blick auf das Problem geworfen. Nehmen wir hierzu die eingangs erwähnte Markteinführung der Google-Brille. Dieses Produkt betrachten wir als einen weiteren Meilenstein im Übergang von der Moderne (Kulturtheoretiker sprechen von der Buchdruckgesellschaft) in die Computergesellschaft und den damit einhergehenden Paradigmenwechsel.

Zentrales Merkmal dieses Übergangs ist die durch den Medienwechsel hervorgerufene, permanente, in alle gesellschaftlichen Bereiche hineingreifende Überforderung durch ein Übermaß an kommunikativen Möglichkeiten und Sinn. Mit der Brille wird es künftig in jeder kommunikativen Situation unmittelbar möglich sein, den Inhalt der Kommunikation zu hinterfragen, mit weiteren Informationen anzureichern, mit ähnlichen Inhalten zu vergleichen, von diesen möglicherweise mehr angelockt zu werden und sich beispielweise in der Folge forttragen zu lassen, usw. – kurzum, dieser Übergang hat Konsequenzen bis in die Tiefenstruktur unseres Denkens, Empfindens und unseres In-der-Welt-Seins.

Zugleich könnten wir uns fragen, wie wir den kleinen wirtschaftlichen Freiraum nutzen wollen, den uns das ebenfalls eingangs erwähnte Wirtschaftswachstum beschert. Wir könnten – individuell wie gesellschaftlich – ernsthaft überlegen, ob wir ihn umgehend in die Suche nach den nächsten Effizienz- und Wachstumschancen investieren wollen. Ist es wahrscheinlich, dass wir diese Frage bewusst entscheiden werden? Wohl kaum. Wir werden die Gelegenheit auch diesmal ungenutzt an uns vorbei- ziehen lassen.

An den Grenzen unserer Verarbeitungskapazitäten

Nun mag es sein, dass manch einer das zuvor beschriebene Problem überhaupt nicht als solches sieht. Schließlich nehmen wir die Angebote unserer Zeit doch durchaus bereitwillig an – nicht selten mit großer Hingabe.

Trotzdem scheint es, dass immer mehr Menschen und Organisationen an den Grenzen ihrer Verarbeitungskapazitäten angelangt sind. Im Spannungsfeld der Rollenerwartungen wird mehr reagiert als agiert und nicht selten folgen Angst, Rückzug oder Ausweichen auf die zugemutete Überforderung.

Dabei leiden wir (wenn wir es denn tun) weniger an den Verhältnissen selbst als an den Geschichten, die wir uns darüber erzählen. Im Allgemeinen geschieht dies eher unbewusst. Schließlich nehmen wir uns nur selten Zeit, um bewusst zu entscheiden, wie wir mit Geschwindigkeit und Komplexität umgehen wollen. Häufig wissen wir auch gar nicht, welche Fragen wir uns überhaupt stellen müssen, damit wir zu nützlichen Antworten kommen.

Je höher der Grad unserer Freiheit ist, desto mehr sind wir jedoch gefordert, Entscheidungen zu treffen. Hierfür brauchen wir Reflexionsräume, die ihrerseits Zeit benötigen und sicherlich mehr als die rationale Einsicht in die Notwendigkeit (und den möglichen Nutzen) von Selbstführung. Der Schlüssel zu diesen Räumen verweigert sich dem Zugriff eines konjunktivischen „Eigentlich sollte ich mal“. Erst die bewusste Verhaltensänderung, die Handlung selbst eröffnet den Raum. Was macht diese so schwer, obschon sie so sinnvoll erscheint?

Folgende Kräfte scheinen hier am Werk zu sein:

  1. Es fehlen wirklich gute Werkzeuge und Übung in der Fertigkeit der Selbstführung.
  2. Es gibt in unserer Kultur wenig Erlaubnis, sich selbst zum Gegenstand der Aufmerksamkeit zu machen. „Nimm dich nicht so wichtig“, klingt vielen im Ohr.
  3. Es gibt keinen a priori bestimmbaren Ausgang, geschweige denn Nutzen.
  4. Selbstführung nach unserer Lesart erfordert immer auch die Bereitschaft zur Selbstverantwortung. Damit verringert sich die Möglichkeit, auf (manchmal bequeme) Auswege in Form von Rechtfertigungen („Ich will ja, aber die Umstände lassen es einfach nicht zu.“) und Schuldzuweisungen („Mein Chef ist …“) auszuweichen.
Diese Liste ließe sich zweifelsohne weiter fortsetzen, doch sie macht auch so schon eines klar: Das Selbst hat es als Stakeholder derzeit nicht leicht.

Der Wert der Selbstführung wächst

Kann Selbstführung dennoch gelingen? Und wenn ja, wie? So unterschiedlich persönliche Dispositionen und Umwelten sind, so unterschiedlich sind die Wege und Zugänge.

Vermehrt genutzte Vehikel sind bewusst in den Wald geschlagene Schneisen der persönlichen Auszeit. Sport ist eine Möglichkeit, um die Aufmerksamkeit vom Tagesgeschäft weg zu lenken und sich so mittelbar Reflexionsräume zu eröffnen. Doch Vorsicht: Hier wartet unter Umständen bereits die nächste Überforderung.

Mehrtägige Klausuren mit sich selbst (in einer medial reizreduzierten Umgebung – inzwischen kann man beispielsweise auf einigen Nordseeinseln einen Service nutzen, der darin besteht, das eigene Smartphone für die Dauer des Aufenthaltes im Rathaus verwahren zu lassen) sowie Achtsamkeitsübungen und regelmäßige Mediation sind weitere Türöffner zu einer bewussten Selbstführung.

Weiterhin unterscheidet sich das Ausmaß, sich sowohl bei der Suche nach der je passenden Form als auch in den Reflexionsräumen selbst professionell begleiten zu lassen. Begünstigend erscheint uns in jedem Falle der Umstand, dass der Umgang mit Werkzeugen der Strategiearbeit und -umsetzung in der Außenwelt inzwischen für viele gängige Praxis ist und die Anwendung auf das Selbst damit nur ein kleiner, aber entscheidender, Schritt.

Vor zehn Jahren sah das noch ganz anders aus. In Management-Development-Programmen war Selbstführung allenfalls ein „nice to have“. Ja, bisweilen stand sie sogar in dem zweifelhaften Ruf, der willkürlichen Psychologisierung und damit überhaupt erst der Entstehung von Problemen Vorschub zu leisten. Heute zeigt sich, dass die Herausforderungen unserer Zeit nicht mehr länger mit den gängigen, meist effizienzgetriebenen, Werkzeugen und Haltungen zu bewältigen sind. Und damit wächst der Wert der Selbstführung.