Leadership Development

Blog zum Thema Führung und Führungsentwicklung der Process One Consulting GmbH

Vom alten Wein und neuen Schläuchen

23. März 2011 von Henning Keber
Völlig zu Recht wird - vermutlich noch in (zu) wenigen Beratungssituationen - darauf hingewiesen, dass Führung mehr ist, als die genetische Legitimierung einzelner Heroen. Auch wird noch zu wenig darauf hingewiesen, dass Führung als organisationale Fähigkeit eigentlich Dinge leisten soll, die nicht wirklich leistbar sind. Der Erfolgsfaktor Führung, betrachtet vor dem Hintergrund der Erkenntnisse der neueren Systemtheorie, braucht neue und ergänzende Ansätze der Personal- und Organisationsentwicklung, um ihn nachhaltig zu dem zu befähigen, was er leisten soll: die Hausfrauenarbeit, die nicht im Rampenlicht steht und erst dann auffällt, wenn sie nicht oder nur unzureichend gemacht wird (vgl. hierzu R. Seliger „Das Dschungelbuch der Führung, 2010). Ein Thema, mit dem wir bei Process One uns intensiv beschäftigen und gemeinsam mit unseren Kunden diskutieren. Als Metapher gesprochen wäre das dann neuer Wein in vermutlich neuen zumindest komplett runderneuerten Schläuchen. Erstaunlich finden wir jedoch, dass alter Wein, der noch immer mundet und noch nicht gekippt ist (also noch seine Gültigkeit besitzt),  in Zeiten der Veränderungen fast überhaupt nicht mehr betrachtet sprich probiert wird: gemeint sind v.a. Erkenntnisse der Teamentwicklung. Es ist schon erstaunlich, wie leicht es mancherorts dem Topmanagement fällt, ganze Organisationen zweidimensional auf dem Papier umzubauen und anschließend zu glauben, dass damit der  anspruchsvolle Löwenanteil der Veränderung gestemmt wurde (was das heroische erklären könnte). Gerade in den zurückliegenden 12 Monaten wurden im Nachgang zur Finanzkrise so viele Umorganisationen durchgeführt, dass Mitarbeiter sich in der Situation zunehmender Instabilität sozialer Beziehungen befinden und aufgrund des bröckelnden „Gefühls der Dazugehörigkeit“ zu einer bekannten Gruppe zunehmend resignieren. Dass teilweise Abteilungen in der Mitte zerschnitten, neue Führungskräfte „erscheinen“ oder alte „verschwinden“ und Kollegen nun Kunden oder Schnittstellenpartner werden, wird streckenweise fahrlässig wenig berücksichtigt. Zu glauben, dass Menschen als nicht-triviale und soziale Systeme den Kontakt zu bis dahin unbekannten Personen quasi stante pede auf der gleichen qualitativen Ebene fortführen wie dies mit bekannten Personen der Fall war (i.S.v. „in einem gemeinsamen Prozess miteinander verhandelt bzw. ausgehandelt“), ist meist keine Frage von „unbewusst inkompetent“. Das Wissen ist vorhanden und verfügbar und vor dem Hintergrund der bemerkenswerten Zahlen von gescheiterten oder nur teilweise erfolgreichen Veränderungsvorhaben (s. IBM-Studie „Making change work“, 2008) ist die Empfehlung, wachsam zu sein für den guten alten Wein im Keller. Das bedeutet, ihm den Raum und die Aufmerksamkeit zu geben den er braucht, um auch weiterhin ein edler Tropfen zu bleiben. Teamentwicklungsmaßnahmen sind daher aus unserer Sicht eine unerlässliche, flankierende Maßnahme im Zuge der Neustrukturierungen von Organisationen - auch und insbesondere vor dem Hintergrund der Aufgabe von Führung unter systemtheoretischen Gesichtspunkten. Das wäre dann, um in der Metapher von oben zu bleiben, alter Wein in neuen Schläuchen. Es täte ihm gut.